Schmerkelland

Ein Gute-Nacht-Märchen für Kinder ab drei Jahren.

Es war einmal vor langer Zeit in einem fernen Land eine Kaiserin. Die Kaiserin hieß Angela und war schon alt und verwirrt.

Eines Morgens wachte die Kaiserin auf und war sehr schlecht gelaunt. Sie ärgerte sich über ihre Untertanen. „Obwohl es meinem Volk gut geht“, schimpfte die Kaiserin, „sind sie unzufrieden und meckern nur.“

Der Hofstaat nickte. „Ja, verehrte Kaiserin“, sagte ihr Gefolge, „das stimmt.“ Die getreuen Diener wussten zwar, dass sich die altersschwache Kaiserin die Unzufriedenheit des Volkes nur einbildete. Aber sie wagten nicht, ihr zu widersprechen. Denn die Kaiserin ließ jeden, der ihr widersprach, in den Kerker werfen.

„Ich habe eine Idee“, sagte Zwerg Tobimaul und trat hervor. Die Kaiserin konnte den kleinen Wicht nicht leiden und rollte die Augen. Dennoch ließ sie ihn sprechen. „Wir könnten den Leuten das schlechte Reden verbieten“, führte Tobimaul aus. „Dann kann das Volk nicht mehr meckern.“ Die Kaiserin war verzückt: „Das ist ein guter Plan. So sei es.“

Also war es von nun an verboten, übel zu reden. Doch nach wenigen Wochen war Kaiserin Angela abermals unzufrieden. „Das Volk redet nicht mehr schlecht. Doch loben sie mich immer noch nicht.“ Die Kaiserin zitterte vor Wut. „Sie feiern und singen und achten mich nicht. Das muss ein Ende haben!“

Da entsann sich die Kaiserin des Magiers Taugenicht. Er hatte ihr vor einiger Zeit schon geholfen. Also ließ sie den Zauberer herbeiholen. Taugenicht war noch jung und unerfahren. Er hatte gerade mit der Alchemie begonnen und noch keine Erfolge vorzuweisen. Dennoch war Taugenicht stolz, von der Kaiserin um Rat gefragt zu werden.

Kaiserin Angela klagte dem Zauberer ihr Leid. Taugenicht überlegte schnell. Er wollte die Kaiserin auf keinen Fall enttäuschen. „Es gibt winzig kleine Tierchen“, berichtete er, „die so klein sind, dass man sie mit bloßem Auge nicht sehen kann. Man kann sie auch nicht riechen. Doch sind sie tückisch und für Menschen eine große Gefahr.“ Die Kaiserin horchte auf.

„Die Tierchen werden Schmerkel genannt“, erfand der Zauberer. „Sie hüpfen von Mensch zu Mensch, dringen in Mund und Rachen ein und klettern in den Bauch hinein. Bei einigen, wenigen Menschen fressen sie die Gedärme, bis die Bäuche platzen.“

Die Kaiserin begann zu strahlen. „Bringe mir diese Tierchen! Verteile sie unter das Volk! Das wird meinen Untertanen einen Lehre sein. Fürchten werden sie sich und vor Angst grämen. Dann werden sie sehen, wie gut es ihnen ging, und mir wieder dankbar sein.“

Der Zauberer stieg in seine Höhle hinab. „Was habe ich da nur angerichtet,“ murmelte er vor sich hin. „Die Tierchen gibt es gar nicht. Wie kann ich sie nur herbeizaubern?“

Doch während der Zauberer noch darüber nachdachte, wie er seine Lüge verbergen könnte, schritt die Kaiserin bereits zur Tat. Sie ließ die Hofberichterstatter zusammenkommen und verkündete ihnen die Geschichte von den kleinen Tierchen. Die Schreiberlinge konnten ihren Ohren nicht trauen. Mit offenen Mündern schrieben sie eifrig die Worte der Kaiserin nieder.

Am nächsten Morgen war die Mär von den grausamen kleinen Schmerkeln in allen Gazetten des Landes zu lesen. Die Untertanen waren schockiert. Sie hatten Angst und waren ratlos. Was sollten sie jetzt tun?

Kaiserin Angela war zufrieden. Ihr Plan war aufgegangen. Endlich wurde sie wieder beachtet. Das Volk wollte von ihr alles über die Tierchen wissen. In ihrer Verzweiflung jammerten die Untertanen: „Bitte, liebe Kaiserin, sag uns, wie wir uns vor den Schmerkeln schützen können!“. Die Kaiserin antwortete gelassen: „Die Tierchen springen drei Fuß weit. Haltet vier Fuß voneinander Abstand und Euch kann nichts geschehen.“

* * *

So taten es die Bürger des Landes. Fortan kamen sie sich nicht mehr näher als vier Fuß. Doch schon nach wenigen Wochen verloren die Untertanen die Angst vor den Schmerkeln. Bisher hatte noch niemand gesehen, wie ein von Schmerkeln befallener Bauch aufgeplatzt war. „Alles nicht so schlimm“, dachten sich die Bürger und gingen ihrer gewohnten Beschäftigung nach.

Die Kaiserin war außer sich. Zornig rief sie nach dem Zauberer. „Die Tierchen sind immer noch nicht da. Ich hatte doch befohlen, sie unter das Volk zu bringen.“ Taugenicht schluckte verlegen. Die Wahrheit konnte er der Kaiserin jetzt nicht mehr sagen. Das wäre sein Ende gewesen. Also spann er seine Lügengeschichte weiter. „Die Schmerkel sind schon in unserem Land. Keiner kann die Tierchen sehen“, sagte er. „Aber ich kann sie mit einem Elixier sichtbar machen. Wenn ich die Spucke von einem befallenen Menschen habe, färbt sich das Elixier rot.“

Die Kaiserin war skeptisch. Dennoch vertraute sie dem Zauberer. Also ordnete sie an, die Spucke von jedem Toten und von jedem Kranken mit Bauchschmerzen einzuholen. Der Zauberer erhielt noch Tags darauf hunderte von Proben. Er verrührte jede Probe mit einem flüssigen Farbstoff. Die meisten Proben färbten sich grün. Doch jede zehnte Probe vermengte er mit einem anderen Stoff. Diese Proben färbten sich rot.

Der Zauberer berichtete der Kaiserin über sein Ergebnis: „Jeder zehnte Kranke hatte eine rote Probe.“ Die Kaiserin ließ die Hofberichterstatter abermals zusammenrufen, um ihnen den Beweis über die Schmerkel mitzuteilen. Die Bürger fürchteten sich noch mehr als zuvor. „Jeden Zehnten kann es treffen“, dachten sie. „Wir müssen vorsichtig sein.“

Die senile Kaiserin freute sich über die Angst ihrer Untertanen. Zum Dank für seinen guten Rat verlieh sie Taugenicht einen Orden. Der Zauberer war sehr stolz und begann fast, selbst an seine Lügen zu glauben. Voller Eifer ließ er den Speichel von mehr und mehr Menschen kommen, nun auch von gesunden. Tausende und abertausende Proben wurden in seine Höhle geliefert. Mehr und mehr rote Proben fand der Zauberer.

Die Untertanen gerieten in Panik. Egal wieviel Abstand sie hielten, es konnte die Tierchen nicht aufhalten. Also flehten sie die Kaiserin Angela abermals um Hilfe an. Doch die Kaiserin war selbst ratlos. Der Zauberer arbeitete jetzt Tag und Nacht und vermischte die Proben mit seinen Elixieren. Aber die Tierchen wurden nicht weniger.

Die Menschen im Land wurden ungeduldig. „Mach etwas gegen die Schmerkel, Kaiserin Angela!“, forderten sie. Jetzt waren sie wirklich ärgerlich und meckerten noch lauter als je zuvor.

* * *

Kaiserin Angela rief ihren Hofstaat zusammen, um ihn um Rat zu fragen. Keiner traute sich ihr zu sagen, dass der Zauberer einfach aufhören sollte. Schließlich hatte er einen Orden erhalten. Es musste eine andere Lösung geben.

Da trat Ritter Tunichtgut hervor. Kaiserin Angela rollte wieder ihre Augen. „Nicht dieser Tunichtgut“, dachte sie sich. Ritter Tunichtgut war der Verwalter einer fernen Provinz, die von Viehzucht und Ackerbau lebte. Die Bewohner der Provinz waren fleißige Kuhhirten und getreue Untertanen. Aber sie waren einfältig und dumm.

„Wir lassen anordnen, dass die Untertanen Mund und Nase bedecken sollen“, erläuterte Ritter Tunichtgut seinen Plan. „Dann können die Schmerkel nicht von Mensch zu Mensch in den Rachen springen.“ Kaiserin Angela dachte nach. „Welch dämlicher Plan. Wenn die Schmerkel nicht weit springen können und die Leute Abstand halten, nützt ein Mundschutz doch auch nichts“, grübelte die Kaiserin. „Allerdings kriegen die Untertanen schlecht Luft und können nicht mehr so laut meckern.“

„So soll es sein“, verkündete die Kaiserin, „und setzt hohe Strafen an für jeden, der sich nicht das Maul verdeckt!“ Fortan verhüllten die Untertanen ihr Gesicht mit einem Tuch. Sie hatten zwar keine Angst mehr vor den Schmerkeln. Aber aus Furcht vor strengen Strafen hielten sie sich an das Gebot, ihre Münder und Nasen zu bedecken.

* * *

Nach wenigen Monaten war Ruhe im Land eingekehrt. Die Leute wagten es nicht mehr, sich zu beschweren. Sie trugen untertänig ihre Tücher im Gesicht. Der Zauberer Taugenicht mischte weiter rote Farbe an. Kaiserin Angela war zufrieden.

Doch das Glück der alten Kaiserin hatte eines Tages ein jähes Ende. Der Zahlmeister Tatterich betrat ihren Salon und verkündete schlechte Nachrichten. Die Angst vor den Schmerkeln und die Tuchpflicht hatte die Untertanen sehr verstört. Sie gingen ihrer Arbeit nur noch nachlässig und nicht mehr regelmäßig nach. „Die Staatskasse ist leer“, berichtete Zahlmeister Tatterich zögerlich, „Millionen von Millionen Goldstücke fehlen.“

Der Zahlmeister Tatterich war alt und gebrechlich. Seinem Altersstarrsinn war es jedoch zu verdanken gewesen, dass die Untertanen in den letzten Jahren immer mehr Steuern an den kaiserlichen Hof abgeben mussten. Trotz seines hohen Alters war seinen Rechenkünsten zu trauen. Im Geiste war er der schon matten Kaiserin noch bei Weitem überlegen.

Die Kaiserin war nun besorgt. Wenn die Untertanen kein Gold erwirtschafteten, weil ihnen die Schmerkel und Mundtücher die Sinne vernebelten, musste der böse Zauber beendet werden. Doch der Magier Taugenicht war nicht mehr zu bremsen. Mehr und mehr rote Proben zauberte er hervor. „Walle, walle!“, rief die Kaiserin und begann zu zittern.

* * *

In ihrer Verzweiflung wusste die Kaiserin keinen besseren Rat mehr, als den edlen Lord Thor aus einem fernen Land zu rufen. Auch ihm wurden Zauberkünste nachgesagt. Lord Thor hatte es dem Vernehmen nach vermocht, billiges Blech in Gold zu verwandeln. Unermessliche Reichtümer soll er mit seiner Magie angehäuft haben. „Wenn mich irgendjemand aus meiner Not befreien kann, dann ist er es“, dachte die Kaiserin.

Und tatsächlich wusste Lord Thor Rat. „Um die Tierchen zu bändigen“, führte er bedächtig aus, „müssen wir eine Medizin finden.“ Lord Thor hatte den bösen Zauber von Taugenicht durchschaut. Den Trug wollte er jedoch für sich nutzen. „Ich kann dir die Medizin beschaffen, wenn du mir die Kosten ersetzt“, schlug er der Kaiserin vor. Seine Augen blitzten und er schmunzelte gierig. Doch die Kaiserin war schon zu geistesschwach und konnte Lord Thor nicht durchschauen. „Du kriegst all mein Gold, wenn du die Medizin bringst“, sagte sie dem Lord zu.

Lord Thor ließ keine Zeit verstreichen. Eilig machte er sich daran, eine Medizin zu brauen. Er wusste, dass die Schmerkel nur Einbildung waren. Einzig musste er es schaffen, die Spucke so zu verändern, dass sie sich mit dem zweiten Elixier nicht mehr rot verfärbte. Nach einigen Versuchen gelang es ihm, eine solche Tinktur zu finden.

Die Untertanen hörten von der Medizin, die die Schmerkel vernichten kann. Sie konnten es nicht erwarten, sich die Medizin in ihre Adern spritzen zu lassen. Vor den Apotheken des Landes standen sie Schlange. Einer nach dem anderen ließ sich die Medizin verabreichen.

Die Medizin hatte ihre versprochene Wirkung. Die Spucke färbte sich nicht mehr rot. Zauberer Taugenicht verkündete das Ende der Schmerkel. Er war selbst erstaunt, aber auch froh, dass sein Spuk vorbei war. Lord Thor erhielt das Gold der Kaiserin und baute sich ein neues Schloss.

* * *

Doch hier ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Denn die Tinktur von Lord Thor war schwierig herzustellen. In der Eile wurden manche Dosen mit den falschen Zutaten gemischt. Viele Leute starben an der schlechten Medizin.

Die Untertanen waren nun rasend vor Wut. Tausende hatten ihre Geliebten verloren. Die Medizin hatte mehr Menschen auf dem Gewissen, als die Schmerkel je getötet hätten. Die Untertanen stürmten den Palast und setzten der Kaiserin Angela ein grausames Ende.

Damit war das böse Treiben der geistesschwachen Kaiserin vorbei. Die Menschen kehrten zu ihrem Leben zurück und hatten fortan keine Angst mehr vor Schmerkeln oder anderen kleinen unsichtbaren Tierchen. Sie waren wieder fröhlich und feierten.

Zum Glück ist dies nur ein Märchen von einem Land ganz weit weg gewesen. Schlaft gut.

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