ING verspielt grundlos Vertrauen ihrer Kunden

Die niederländische ING schafft in Deutschland das kostenlose Girokonto ab und vergrault damit Neu- und Bestandskunden. Irre Entscheidung von CEO Nick Jue, der das eigene Geschäftsmodell nicht versteht.

Die Entscheidung kommt überraschend, war es doch seit jeher das Zugpferd der ING: das kostenlose Girokonto wird abgeschafft. Damit wirft die ING das entscheidende Kriterium für Kunden ohne Not aus dem Fenster.

Gerade für Nutzer von Online-Konten hat es sich in den vergangenen Jahrzehnten etabliert, auf kostenlose Konten und Depots zu setzen. Banken müssen ihre Kosten über Gebühren für einzelne Transaktionen rausholen. Insbesondere beim Wertpapierhandel und der Vergabe von Krediten können die Banken ihre Kundenbeziehungen dauerhaft zu Geld machen.

Entscheidend ist dabei, dass die Kontoführung bedingungslos gratis ist. ING setzt jetzt eine Marke von 700 Euro monatlichen Geldeingangs, ab der das Girokonto weiterhin ohne laufende Kosten angeboten wird. Selbst für Kunden mit höherem Geldeingang ist dieser Schritt beunruhigend. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis andere Konditionen verschlechtert oder die 700 Euro-Grenze hochgesetzt wird.

Was die ING hier verspielt, ist vor allem ihre Verlässlichkeit. Jahrelang hat sie ihre Kunden mit der einfachen Bedingung „kostenlos“ geködert und ist stolz auf ihren 1. Platz beim Test des Wirtschaftsmagazins „Euro“ (05/2019). Das ist jetzt vorbei. Hinter dem „kostenlos“ gehört jetzt ein Sternchen, das es als Marketing-Gag entlarvt.

Für Bankkunden ist nichts wichtiger, als Verlässlichkeit. Vertrauen ist das A und O der Bankenbranche. Wer ständig an den Konditionen rumschraubt, wird als wankelmütig wahrgenommen. Will ich wirklich meine Investments einem Institut anvertrauen, das mich plötzlich mit neuen Gebühren überrascht? Wie kann ich langfristig planen, wenn ich jederzeit damit rechnen muss, meine Wertpapiere übertragen und dafür Steuern und Gebühren zahlen zu müssen?

Nebelkerze Kosten

Das schlimme dabei ist, dass ING sein Zugpferd ohne Not abschafft – und dann auch noch für Bestandskunden. Nick Jue, Vorstandsvorsitzener der ING, versteht das eigene Geschäftsmodell nicht.

ING war in den vergangenen Jahren mit seinem Geschäftsmodell erfolgreich und hat stete Gewinne eingefahren. Was als Grund für die Abschaffung des kostenlosen Girokontos angegeben wird, ist bar jeder Logik:

Quelle: https://www.ing.de/girokonto/neue-konditionen/

Kontoführung ist ein Geschäft mit hohen Fixkosten und verschwindend geringen variablen Kosten. Wenn man es schon geschafft hat, eine Bank zu gründen und die IT für die Kontoführung eingerichtet hat, sind die Kosten gestemmt. Es ist ja heute nicht so, dass jedes Konto händisch in einem Buch eingetragen und fortgeführt werden müsste.

Auch der Telefonservice ist Quatsch. Wieviele Anrufe erhält ING von Kunden, die ihr Konto NICHT nutzen? Telefonische Kontoservices kann man sich bezahlen lassen und das macht ING auch.

Die Karten? Wirklich? ING, verzichte doch auf die 50-Euro Neueröffnungsprämie! Das dürfte mehr bringen als die zwei Euro fürs Plastik.

Das Argument mit den Negativzinsen ist in sich widersprüchlich. Die Zinszahlungen von ING müssten höher sein, je mehr Geld auf den Konten eingeht und schließlich dort rumliegt.

Insgesamt dürften die Kosten gerade für aktiv genutzte Konten am höchsten sein. Somit wäre es logisch, für diese Konten Gebühren einzuführen. Das Kostenargument ist also eine Nebelkerze.

Ich vermute, dass ING die gelegentliche Nutzung der VISA-Karte zum kostenlosen Geldabheben unterbinden will. Manche Kunden scheinen das Konto zu „missbrauchen“, indem sie das Konto vor dem Urlaub aufladen und dann per VISA-Karte im Ausland gratis Geld abheben. Wenn das der Fall ist und ING tatsächlich dadurch Millionenverluste macht, sollte ING an die Konditionen der VISA-Karte gehen und nur diese unter dem Vorbehalt eines regelmäßigen Geldeingangs kostenlos anbieten.

Was können Kunden jetzt tun?

Wer jetzt noch Kunde bei ING werden will, muss mit dem Klammerbeutel gepudert sein. Bis zum Mai 2020 müssen jedoch auch die Bestandskunden überlegen, was sie tun. Folgende Optionen bestehen:

  • Das Konto kündigen. Macht Sinn für Leute, die das Konto als Zweitkonto haben und eigentlich kaum nutzen. Dafür gibt es bessere Alternativen.
  • Das Girokonto auf ein Basiskonto umstellen. Das Basiskonto ist weiterhin kostenlos, enthält aber die VISA-Karte nicht. Wenn diese nicht der Grund war, sollte es eine Option sein.
  • 700 Euro monatlich überweisen. Wer das ING-Konto weiter als Zweitkonto mit VISA-Karte braucht, richtet einen Dauerauftrag auf dem ersten Konto ein und kann gegebenenfalls mit einem zweiten Dauerauftrag das Geld zurücküberweisen.
  • Das Girokonto kündigen und das Extra-Konto nutzen. Wer vor allem auf das Depot scharf ist, kann auf das Girokonto verzichten und das Tagesgeld-Konto als Referenzkonto einrichten, das bislang noch kostenlos ist und keine Negativzinsen verlangt.

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